| Auf den ersten Blick scheint merkwürdig zu sein, daß die literarische "Hochkonjunktur" des 20. Jahrhunderts nicht aus einer wirtschaftlichen Hochkonjunktur, sondern trotz sozialen und wirtschaftlichen Krisen entstand! |
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Um 1850 war Preußen das stärkste
unter den deutschen Ländern. Die Zerschlagung der Revolution von 1848 war ein bitteres Erlebnis für
den bürgerlichen Liberalismus und das industrielle Proletariat. Die nachgebige Haltung der
Junkerherrschaft dem bürgerlichen Liberalismus gegenüber wurde durch eine Reihe
von Verbote und Gesetze ersetzt.
Nach dem Sieg über Frankreich wurde 1871 das Deutsche Reich gegründet. Der König von Preußen wurde der Kaiser des Deutschen Reichs und Otto von Bismark wurde der erste Reichskanzler. Er betrieb eine Reihe repressiver Gesetze und Verbote (u.a. Sozialistengesetz), um die Junkerherrschaft im Deutschen Reich zu verstärken. Die Industrialisierung brachte nicht nur schnelle Wirtschaftsentwicklung, sondern auch viele soziale Probleme. Soziale Konflikte verschärften sich. Massenproduktionen, die plötzlich nicht verkauft werden konnten, brachten empörte Arbeitende zu unzähligen Streiks, Unruhen und sogar Revolutionen. Die Werke naturalistischer Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann bedienen sich nicht nur Kunstmittel, die von der Industrialisierung geprägt sind (z.B. Sekundenstil, Fotografie), sie nehmen auch die soziale Wirklichkeit (meistens aber sozialen Probleme und unteren sozialen Schichten) als Stoffe ihrer Dichtung. Der Neuromatik scheint die Realität nicht so schlimm zu sein. Durch ihre wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Romantik stellen sie auch ihre eigenen romantischen Produkte her, die die Schokoladenseite des modernen Lebens darstellen. Die Impressionisten entfernen sich aber bewußt von den Realität, die von sozialen Konflikten und Problemen belastet werden. Sie gehen nach "innen". Indem sie ihre weltfremden Eindrücke ästhetisieren, schaffen sie "Elfenbeintümer". 1888 wurde Wilhelm II der Kaiser des Deutschen Reichs. Er verfolgte anfangs eine entspannende Innenpolitik und eine imperialistische Außenpolitik. Er trat gegen die Unterdrückung ein und zwang Bismark zurückzutreten. Zugleich ersetzte er Bismarks "Kontinentpolitik" durch seine "Weltpolitk". Er versprach, seinem Volk einen Platz "in der Sonne" zu geben. Die meisten Plätze in der Welt befanden sich aber in den Schatten: Sie waren schon von anderen europäischen Mächten wie Großbritanien und Frankreich kolonisiert. Daher suchte das Deutsche Reich Italien und Österreich-Ungarn als Verbundente, um mit Großbritanien, Frankreich und Rußland zu rivalieren (deutsch-britissche Flottenrivalität). Die Marokkokrisen 1905 und 1911 zeigten Deutschlands gescheiterten Versuch, die diplomatische Isolierung zu durchbrechen. Die Krisensituation in Balkan (1912/13) bereitete sich auf den 1. Weltkrieg (1914-18) vor, der vom Attentat von Sarajevo unmittelbar entzündet wurde. Gegen das Jahrhundertswende bestand die deutsche Gesellschaft im großen und ganzen aus den folgenden Klassen:
Die Reichsfamilie und Hofgesellschaft waren nationalistisch und ausgesprochen konservativ. Sie gingen hartnäckig gegen jedes Zeichen des Liberalismus vor. Der Mittelstand war nationalistisch und konservativ orientiert und blieb dem Thron treu. Das industrielle Proletariat kämpfte gegen die Unterdrückung und dessen Vertreter, die Sozialdemokratische Partei, errang sogar eine Mehrheit im Reichstag und konnte eine Reihe sozialistischer Gesetze durchsetzen. Das Kleibürgertum war ideologisch widersprüchlich. Die kritischen Intellektuellen, die an der Spitze des Kleinbürgertums standen, unterhielten eine intellektuelle Tradition des liberalen Mittelstands. Ihre Vertreter spielten eine führende Rolle in der Opposition. Sie waren im öffentlichen Widerstreit mit der Reichsfamilie und deren Ideologie. Dieser Widerstreit gab ihnen Ansporn zu ihrem Scharfsinn, Sarkasmus und Ironie. 1914 brach der erste Weltkrieg aus. Am Anfang des Krieges waren viele Deutsche nationalistisch. Der grausame Krieg nahm aber Unzähligen das Leben weg. Als der Krieg mit Deutschlands Niederlage endete, wurde die anfängliche Begeisterung zu Enttäuschung, Desillusion, Entrüstung und Empörung. Viele wie Ernst Toller, die am Anfang als Freiwillige am Kreig teilnahmen, wurden Kriegsgegner und bezweifelten den Sinn dieses unmenschlichen Krieges. |
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Der unmittelbare Ausdruck dieser Empörungen war der Expressionismus. Zwar ist die soziale Wirklichkeit ebenso wichtig für die Expressionisten wie für die Naturalisten, aber die expressionistischen Schriftsteller wollen nicht einfach die Realität ganz "natürlich" abschreiben oder fotografieren, sondern mit Nachdruck "ausdrücken". Wie die expressionistische Malerei, ist die expressionistische Literatur weniger feine "Dichtung", sondern bewußte Gegen-Dichtung. Bestehende Regeln werden zerstört und mit dem "Schrei" ersetzt. Die Realität wird im Expressionismus oft in groben Zügen, übertrieben und verzerrt dargestellt. Manchmal erscheinen die expressionistischen Stoffe wie bei Kafka scheußlich, grotesk, aber nicht zum Lachen. |
| Eine weitere literarische Strömung, die unter dem Eindruck des ersten
Weltkrieges entstanden ist, ist der Dadaismus. Wie der lautmalende Name "Dada"
andeutet, beschäftigt diese provokative Anti-Bewegung sich damit, den
Menschen als Maschine oder Maschinengewehr zeitkritisch darzustellen.
Die Geschichte der Weimarer Republik (1918-33) ist durch bürgerkriegsähnliche Unruhen und Angriffe von links und rechts, galoppierende Inflation, Zerrüttung der Wirtschaft und Massenarbeitlosigkeit gekennzeichnet. Die in dieser Zeit entstandene neue Sachlichkeit überwindet den übertriebenen Gefühlsausbruch des Expressionismus. Sie geht nüchtern und sachlich auf den Grund der Dinge ("Sachen") und will die Wirklichkeit ausführlich und realistisch wiedergeben. Da sie stark Gegenständlichkeit betont, wird sie auch an der vereizelten Verschwörung der Dinge bemängelt. Die NS-Diktatur und der anschließende 2. Weltkrieg (1933-1945) war eine entsetzliche Periode für Deutschland und Europa. Mio. von Juden und anderen unerwünschten Menschen wurden ermordet. Mehr als 35 Mio. starben im Krieg und mehr als doppelt so viele Menschen schlossen sich den Flüchtlingen an. Die Literatur dieser Periode kann in faschistische Literatur, antifaschistische Literatur, innere Emigration und äußere Emigration eingeteilt werden. |